Zum Jahrestag des Kriegsausbruchs
Als Wir, wenn auch ohne Unser Verdienst, auf den Apostolischen Stuhl berufen wurden als Nachfolger des sanftmütigen Papstes Pius X., dessen heiligmäßiges, gesegnetes Leben durch den Schmerz über den kurz vorher in Europa entbrannten Bruderkrieg verkürzt worden, fühlten auch wir, indem wir trüben Blickes auf die blutgetränkten Felder schauten, das Herzeleid eines Vaters, der sein Haus von einem furchtbaren Orkan zerstört sieht. Und mit unaussprechlichem Kummer an Unsere jungen Söhne denkend, die zu tausenden dahingemäht werden, fühlten wir in Unserem von der Liebe Christi erfüllten Herzen den ganzen Schmerz der Mütter und vorzeitig verwitweten Frauen, den untröstlichen Jammer der allzufrüh der väterlichen Zucht entrissenen Kinder. In Unserer, die tausendfachen Bedrängnisse uahlloser Familien mitfühlenden Seele, eingedenk der hohen, Uns in diesen traurigen Tagen von Unserer köstlichen Friedens- und Liebesmission auferlegten Pflicht, faßten Wir alsbald den festen Entschluß, Unsere ganze Tätigkeit, unser ganzes Können der Versöhnung der kämpfenden Völker zu weihen. Wir versprachen dies feierlich dem göttlichen Erlöser, der mit seinem Blute alle Menschen zu Brüdern machen wollte. „Friede! Liebe!“ waren die ersten Worte, die Wir den Nationen und ihren Leitern als oberster Seelenhirte zuriefen.
Aber unser liebevoller eindringlicher Rat als väterlicher Freund blieb unbeachtet, was Unseren Schmerz vergößerte, aber Unseren Entschluß nicht verringerte. Wir fuhren fort, uns vertrauensvoll an den Allmächtigen zu wenden, der Geist und Herz der Untertanen wie der Könige in seinen Händen hält, und ihn anzuflehen, daß er die Geißel der Menschheit aufhören lasse. Wir wünschten, daß sich mit unserem Gebete alle Gläubigen vereinigen, und, um es wirksamer zu gestalten, es mit christlichen Bußwerken begleiten möchten.
An dem heutigen traurigen Jahrestage des schrecklichen Krieges aber entsteigt Unserem Herzen um so lebhafter der Wunsch nach Beendigung des Konfliktes, um so lauter Unser Friedensruf. Im Namen des heiligen Gottes, im Namen des himmlischen Vaters und um des gebenedeiten Blutes Christi willen, des Preises der Erlösung der Menschheit, beschwören Wir Euch, welche die göttliche Vorsehung zur Regierung der kriegführenden Nationen berief, endlich die schreckliche, nunmehr ein Jahr lang Europa entehrende Metzelei zu beendigen.
Es ist Bruderblut, das über die Erde und Meere dahinfließt. Die schönsten Gegenden Europas sind mit Leichen und Ruinen übersät. Wo kurz vorher die industrielle Tätigkeit in den Werkstätten und die fruchtbare Arbeit der Felder blühte, ertönt jetzt der Donner der Kanonen, die in zerstörender Wut weder Dörfer noch Städte schonen und überallhin Tod und Verderben säen. Ihr, die Ihr vor Gott und vor den Menschen die furchtbare Verantwortung über Frieden und Krieg habt, höret auf unsere Bitte, auf die väterliche Stimme des Statthalters des ewigen höchsten Richters, dem ihr Abrechnung schuldet über Eure öffentlichen Unternehmungen wie Euer privates Leben.
Der große Reichtum, den Gott den Euch untergebenen Ländern verliehen hat, erlaubt Euch die Fortsetzung des Krieges. Aber um welchen Preis? Darauf antworten die tausende täglich auf den Schlachtfeldern hinsterbenden jugendlichen Leben, antworten die Trümmer so vieler Städte, Ortschaften und Denkmäler, die von der Frömmigkeit und der Kunst Eurer Vorfahren errichtet sind. Und jene bitteren, im stillen Kämmerlein, zu Füßen der Altäre geweinten Tränen – wiederholen nicht auch sie, daß der Preis, um den heute der Kampf fortgesetzt wird, viel zu groß ist?
Man erwidere nicht, daß der unmenschliche Konflikt nicht ohne Waffengewalt geschlichtet werden könne. Möge man von der gegenseitigen Zerstörungswut ablassen. Möge man daran denken, daß Nationen nicht aussterben. Wenn sie gedemütigt und unterdrückt werden, tragen sie knirschend das ihnen auferlegte Joch, auf Erlösung hinarbeitend und von Geschlecht zu Geschlecht einen traurigen Rest von Haß und Rachsucht vererbend.
Warum nicht von jetzt an klaren Gewissens die Rechte und gerechten Aspirationen der Völker abwägen? Warum nicht mit kräftigem Willen einen direkten und indirekten Ideenaustausch unternehmen über das Maß der Möglichkeit, jene Rechte, jene Aspirationen abzuwägen, um so den furchtbaren Krieg zu beendigen, wie es bei anderen ähnlichen Gelegenheiten geschehen ist?
Gesegnet sei, wer zuerst den Ölzweig erhebt, dem Feinde die Rechte anbietet und ihm vernünftige Friedensbedingungen vorschlägt! Das Gleichgewicht der Welt, die gedeihliche, sichere Ruhe beruhen vielmehr auf gegenseitigem Wohlwollen, auf Achtung der Rechte und Würde anderer als auf der Menge der Bewaffneten und der Stärke der Festungen.
Das ist der Ruf nach Frieden, der an diesem Trauertage laut aus Unserer Seele hervorgeht. Wir ersuchen alle Friedensfreunde der Welt, Uns die Hand zu reichen, um das Ende des Krieges zu beschleunigen. Gebe der barmherzige Jesus durch die Fürbitte der schmerzhaften Mutter, daß baldigst ein heiteres Friedensmorgenrot erscheine, das Abbild seines göttlichen Antlitzes! Möchten baldigst dem höchsten Bringer alles Guten Hymmnen der Dankbarkeit erschallen für das Zustandekommen der Versöhnung! Möchten die Völker zurückkehren zu friedlichem Wetteifer in Wissenschaft, Kunst und Industrie, im wiederhergestellten Reiche des Rechtes! Mögen sie von jetzt ab die Entscheidung von Zwistigkeiten nicht mehr vom Schwerte, sondern den Vernunftgründen der Gleichheit und Gerechtigkeit anvertrauen, alles abwägend mit pflichtgemäßer Ruhe und Mäßigung.
In herzlichem Vertrauen, daß mit den so ersehnten Früchten der Friedensbaum baldigst wiedererstehe, um die Welt zu beglücken, erteilen Wir den apostolischen Segen allen, die unserer mystischen Herde anvertraut sind, und auch diejenigen, welche noch nicht zur Römischen Kirche gehören, bitten wir den Herrn, daß er sie mit Uns durch die Bande der christlichen Liebe verbinden wolle.
Benedikt XV, Papst.
Gegeben zu Rom im Vatikan, den 28. Juli 1915
(Übersetzung aus dem Buch „Sankt Michael – Ein Buch aus eherner Kriegszeit, 1917″, Verf. unbekannt)