Beleidigt sein
Kennen Sie das Spiel, beleidigt zu sein? Kinder beherrschen es par excellence, aber auch Erwachsene können gut den Mund zu einem schmalen Strich verwandeln, wenn es nicht nach ihren Vorstellungen verläuft. Das Unwohlsein wird dabei sozialisiert: Wenn ich mich schlecht fühle, soll es Euch auch nicht besser ergehen. So beginnt ein Machtkampf. Der Beleidigte, sich nicht anders zu helfen wissend, entzieht dem Anderen die Liebe. Kümmert sich dieser um den Beleidigten und versucht ihm zu helfen indem er nett ist und Gutes tut, erstarrt der Beleidigte in seiner erfolgreichen Rolle. Funktioniert das Schema gut, wird der Beleidigte immer häufiger beleidigt sein, denn die Waffe ist ja äußerst wirksam.
Gute Schauspieler könnten eine Reaktion als Aufforderung auffassen, die eigene Rolle deutlicher zu spielen, und fortan als wandelnder Vorwurf durch die Welt zu schreiten. Das Mittel zur Entwaffnung eines Beleidigten ist: einfach zu tun, als sei alles in Ordnung. Es hilft es nichts, aber auch gar nichts, auf das Spiel des Beleidigten in irgendeiner Weise einzugehen. Irgendwann gibt er schließlich auf.
Fatal ist das Ganze auch, wenn die Retourkutsche naht: „Eben wolltest Du nicht, jetzt will ich nicht“. Damit tauscht man nur die Rollen. Für den Beleidigten ist es wichtig, beleidigt zu sein, aber es ist sein Ding. Gibt er auf, kann man ganz normal im Text weitermachen.
Soweit zur Kinderpsychologie, die sich auch auf Erwachsene problemlos anwenden lässt.