Neurituelle
Die Aufhebung der Indultpflicht zur Feier des Alten Ritus, die sich nun bald zum ersten Mal jährt, zeigt Wirkung. Im neurituellen Forum katholon.net beklagt sich ein Schreiber über die päpstlichen Personalentscheidungen, die seiner Ansicht nach immer wieder eine Grundrichtung zur Alten Messe zeigen. Frustriert meint er:
„Burke – das füge ich jetzt hinzu – ist einer der konservatisten US-Bischöfe und ein erklärter Förderer der außergewöhnlichen Form der Messe, … Was treibt den Papst dazu? Über kurz oder lang wird er selbst ja dann wohl auch „alte“ Messen im Petersdom oder zumindest erst mal beim römischen Ableger der Petrus-Bruderschaft lesen … „
Auch eine andere Schreiberin, im weiteren Diskussionsverlauf sich als „Religionslehrerin“ bezeichnend, äußer sich frustriert über die römischen Strömungen. Sie gibt ihr Dogma wie folgt zum Besten:
„Ich sehe (leider) im Moment folgende Tendenz: Die kritischen Katholiken, die in 80er und 90er Jahren prägend waren, ziehen sich langsam aber sicher zurück und „werden unsichtbar“ bzw. verlassen die Kirche, es bleiben die konservativen Gruppierungen, die lautstark ihr Recht fordern und von vielen Bischöfen – und offensichtlich sogar vom Papst – unterstützt werden.
Meine Kirche ist das nicht mehr!“
Das Kernanliegen der modernen Fraktion ist, dass nicht die Menschen zur Kirche kommen sollen, sondern die Kirche zu den Menschen. Dahinter steht der (prinzipiell richtige) Ansatz, dass das Kirchenvolk die zu Bekehrenden dort abholen soll, wo sie stehen; das heisst, die Wahl der Wort und insgesamt die Kommunikation so gestalten, dass der Andere auch versteht, was gemeint ist.
Die Zitate oben zeigen aber, dass sich dieser Ansatz längst verselbständigt hat, und das Kirchenvolk dort, wo es die Menschen stehen sah, eigene Wurzeln geschlagen hat. Stattdessen wird der Standort der Kirche, wie er immer war, für ungültig erklärt, und der eigene als Maß aller Dinge. Einher geht natürlich ein Weltbild der Unterscheidung zwischen Gut und Böse – pardon – zwischen Modern und Konservativ.
Auffällig sind auch zahlreiche Drohgebärden auf der Beziehungsebene: „Die kritischen Katholiken… ziehen sich langsam aber sicher zurück und … verlassen die Kirche“. Hier wird in Richtung der anderen Fraktion eine Drohung ausgesprochen: Wenn Du nicht tust, was ich sage, dann geh ich. Na fein; soll ich jetzt meinen was Du meinst, damit Du bleibst?
Nun, ich habe lange überlegt, was mich an der Kirche über zwei Jahrzehnte gestört hat. Es sind nicht die kirchlichen Dogmen gewesen. Es ist diese subtile Form der Erpressung gewesen, die ich wahrgenommen, aber lange nicht richtig erkannt habe; äußerten sie doch „offizielle“ Vertreter. Ein frischgebackener Pater schrieb mal kurz nach seiner Weihe in der Lokalzeitung, befragt nach seiner Motivation: „Die Kirche habe viele Fehler gemacht, sie müsse sich ändern, sonst werde sie bald nicht mehr existieren“. Erstaunlich, dass die Kirche 2000 Jahre auf so ein Rosabäckchen warten musste, welches sich ansonsten nur durch Faulenzerei und Schmarotzertum hervortat.
Was an der ganzen Angelegenheit allerdings sehr erfreulich ist, das ist die zunehmende Wendung im Stimmungsbild einiger Diskutanten, die ich früher eher als Ablehner des Alten Ritus wahrgenommen habe. Einer schreibt, sehr zutreffend:
„Der Begriff »konservativ« paßt ausgezeichnet auf Heerscharen alternder GemeindereferentInnen, die entgeistert zuschauen, wenn junge Leute … nicht die letzte geistliche Wonne in den alten Hüten Mandala-Ausmalen, Labyrinth-Begehen, gemeinsames Hochgebetmitsprechen und Gendermainstreaming, sondern zum Beispiel in der Römischen Litugrie finden.“
Und weiter:
„Denn die kirchliche Situation ist … dramatisch. Es ist nicht mehr die liberale Revolution, die die Pastoral durchweht; es ist vielmehr die wurzelvergessene Fahrigkeit, die alles prägt – von den schlimmsten liturgischen Entgleisungen bis hin zur völlig konzeptionslosen Fusionspolitik der Bistumsleitung; ja, bis hin zur intoleranten Haltung gegenüber Frömmigkeitsformen, die man am liebsten ganz in die Rumpelkammer schließen will: Kommunionspendung in den Mund, viele Formen der eucharistischen und der marianischen Frömmigkeit, der ritengetreuen Ars Celebrandi, die einfachsten Glaubenswahrheiten (Ablaßlehre) nicht zu vergessen …“
Nun, der geneigte Leser könnte fragen, warum ich das hier schreibe und ob ich mich nicht im katholon.net an der Diskussion beteilige. katholon.net ist in der Tat das einzige Forum, in dem ich noch nicht mal einen gesperrten Account habe. Und das bleibt auch so.